Wissensblog · Unverträglichkeiten & Histamin

HPU und Allergien – oder ist es in Wahrheit zu viel Histamin?

Veröffentlicht: 4. August 2026 · Dr. rer. nat. Claudia Bentzien

Nicht jede laufende Nase, jede Quaddel und jedes Kribbeln ist eine echte Allergie. Eine Allergie ist eine Reaktion des Immunsystems, das einen eigentlich harmlosen Stoff für gefährlich hält. Sehr oft steckt hinter allergieartigen Beschwerden aber etwas anderes: zu viel Histamin, das der Körper nicht schnell genug abbaut. Eine Hämopyrrollaktamurie (HPU) verursacht keine Allergie – aber sie kann die Reizschwelle senken, weil für den Abbau von Histamin unter anderem Vitamin B6 gebraucht wird, das bei HPU laufend verloren geht, und weil Zink die Immunbalance mitsteuert.

Deshalb erleben viele Menschen mit HPU, dass sie mit den Jahren auf immer mehr reagieren – und halten für eine Allergie, was in Wahrheit eine Histaminüberladung ist.

Allergie oder Histaminintoleranz – was ist der Unterschied?

Der Unterschied liegt im Mechanismus, und er ist wichtig. Bei einer echten Allergie bildet das Immunsystem Antikörper gegen einen bestimmten Stoff – Pollen, Tierhaare, ein Nahrungsmittel. Schon kleine Mengen lösen dann eine Reaktion aus, sie läuft reproduzierbar ab, und im Allergietest lässt sie sich nachweisen.

Bei einer Histaminintoleranz ist das Immunsystem gar nicht der Auslöser. Hier kommt der Körper mit dem Abbau von Histamin nicht hinterher – die Beschwerden hängen davon ab, wie viel Histamin insgesamt zusammenkommt (mehr dazu, wie Histamin und Darm zusammenhängen). Ein Glas Rotwein allein macht vielleicht nichts, dasselbe Glas zu gereiftem Käse und Salami bringt das Fass zum Überlaufen. Die Allergietests sind dann typischerweise negativ – und trotzdem sind die Beschwerden echt.

Was hat HPU mit allergieartigen Beschwerden zu tun?

Es senkt die Schwelle, ab der dein Körper reagiert. Histamin wird ständig gebildet und muss ständig wieder abgebaut werden – und für diesen Abbau braucht der Körper unter anderem Vitamin B6. Bei HPU geht B6 dauerhaft über den Urin verloren (was HPU genau ist), sodass der Abbau langsamer läuft. Was langsamer abgebaut wird, staut sich – und die Menge, die vorher kein Problem war, reicht plötzlich für Niesen, Jucken, Kopfschmerzen oder einen flauen Bauch.

Dazu kommt das Zink. Zink hilft, die Immunabwehr im Gleichgewicht zu halten – nicht zu träge, aber auch nicht überschießend. Fehlt es, reagiert das Immunsystem leichter über das Ziel hinaus. Ein Körper mit HPU steht damit doppelt unter Druck: mehr Histamin im Umlauf und eine Abwehr, die schneller anspringt.

Warum spielt der Darm dabei eine Hauptrolle?

Weil im Darm beides zusammenläuft – ein großer Teil der Immunabwehr und ein großer Teil des Histamin-Geschehens. Der Darm bildet Histamin, er baut es ab, und in seiner Wand sitzt der Löwenanteil des Immunsystems (wie eng Darm und Immunsystem zusammenhängen). Ist die Darmschleimhaut gereizt oder durchlässig, gerät dieses Zusammenspiel aus dem Takt: Der Abbau von Histamin leidet, und die Abwehr wird nervöser.

Das erklärt, warum sich allergieartige Beschwerden so oft bessern, wenn der Darm zur Ruhe kommt – und warum das reine Meiden von Auslösern auf Dauer zu kurz greift. Man bekämpft dann Symptome, ohne den Ort anzuschauen, an dem das Problem entsteht.

„Wenn jemand mir eine immer länger werdende Liste von ‚Allergien‘ mitbringt, werde ich hellhörig. Echte Allergien werden nicht ständig mehr. Was mehr wird, ist meist die Histamin-Last – und die hat eine Ursache, an die man herankommt.” — Dr. Claudia Bentzien

Was solltest du jetzt tun?

Zuerst das Wichtigste: Eine echte Allergie gehört in fachliche Hände. Wenn du den Verdacht auf eine Allergie hast, sollte das allergologisch getestet werden – gerade weil manche allergischen Reaktionen gefährlich werden können. Bei Atemnot, Schwellungen im Hals oder Kreislaufproblemen zählt jede Minute: Das ist ein Notfall und nie eine Frage von Nährstoffen.

Sind die Allergietests dagegen negativ und die Beschwerden trotzdem da – wechselnd, mengenabhängig, dazu Erschöpfung und ein empfindlicher Darm (wenn du plötzlich vieles nicht mehr verträgst) –, dann lohnt der Blick auf die Histamin-Seite und auf eine mögliche HPU. Bausteine wie B6 und Zink sollten dabei nicht blind geschluckt, sondern gemessen und gezielt ausgeglichen werden.

Aus meiner Erfahrung mit über 600 begleiteten Menschen (mehr über mich) ist eine ständig wachsende Liste von Unverträglichkeiten fast nie eine Sammlung echter Allergien. Meist ist es ein überladenes System, dem die Werkzeuge zum Abbau fehlen – und das lässt sich entlasten.

Häufige Fragen

Wie unterscheide ich eine Allergie von einer Histaminintoleranz?

Eine Allergie ist eine Reaktion des Immunsystems auf einen bestimmten Stoff – sie ist im Test nachweisbar und läuft meist rasch und reproduzierbar ab. Bei einer Histaminintoleranz hängen die Beschwerden dagegen von der Gesamt-Histaminmenge ab, und die Allergietests bleiben negativ. Bei Unsicherheit sollte das allergologisch abgeklärt werden.

Kann HPU echte Allergien auslösen?

Nein. HPU löst keine echte, vom Immunsystem gesteuerte Allergie aus. Es kann aber die Histamin-Last erhöhen und die Immunregulation stören, sodass der Körper empfindlicher und auf mehr reagiert. Eine echte Allergie sollte immer ärztlich abgeklärt werden.

Ab wann ist eine allergische Reaktion ein Notfall?

Bei Atemnot, einem Engegefühl im Hals, Schwellungen von Lippen oder Zunge oder Kreislaufproblemen ist sofort der Notruf 112 zu wählen. Das ist niemals ein Fall für Selbstbehandlung oder für die Frage, ob vielleicht nur Histamin dahintersteckt.

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