Wissensblog · Darm, Hormone & Erschöpfung

HPU und Hochsensibilität – warum dich alles so schnell überfordert

Veröffentlicht: 30. Juli 2026 · Dr. rer. nat. Claudia Bentzien

Wenn dich Lärm, grelles Licht, Menschenmengen oder die Stimmung anderer schneller erschöpfen als die meisten um dich herum, ist damit erst einmal nichts falsch: Hochsensibilität ist eine angeborene Veranlagung, ein Wesenszug – nicht bloß eine Stimmung oder Charaktersache, und schon gar keine Krankheit. Etwa fünfzehn bis zwanzig Prozent der Menschen nehmen ihre Umwelt intensiver wahr und verarbeiten sie tiefer. Das ist eine Gabe – aber sie hat ihren Preis, wenn dem Nervensystem die Bausteine fehlen, um nach einem Reiz auch wieder herunterzukommen. Und genau die gehen bei einer Hämopyrrollaktamurie (HPU) laufend verloren.

HPU verursacht keine Hochsensibilität. Aber sie kann aus einer feinen Wahrnehmung eine ständige Überforderung machen – weil dem Körper ausgerechnet die beruhigenden Werkzeuge knapp werden.

Ist Hochsensibilität eine Krankheit?

Nein, und dieser Punkt ist mir wichtig. Ein hochsensibles Nervensystem ist nicht kaputt, es arbeitet nur gründlicher. Es filtert weniger weg, nimmt mehr Details auf und verarbeitet sie intensiver. Das bringt viel Schönes mit sich – Empathie, Tiefe, ein Gespür für Zwischentöne – und es kostet mehr Energie. Wer so gebaut ist, braucht mehr Pausen, um Eindrücke zu verarbeiten. Das ist kein Makel, sondern eine Eigenschaft.

Zum Thema wird es erst, wenn die Feinfühligkeit dauerhaft in Überlastung umschlägt: wenn schon ein normaler Tag zu viel ist, wenn man nach jedem Termin platt im Auto sitzt, wenn der Körper auf alles reagiert. Dann lohnt der Blick darauf, ob dem Nervensystem schlicht das Material fehlt, um mit den vielen Reizen fertigzuwerden.

Was hat HPU mit Reizüberflutung zu tun?

Eine Menge, und es hängt an den Botenstoffen, die dich runterbringen. Damit ein Reiz nicht endlos nachhallt, braucht das Gehirn einen Gegenspieler zur Anspannung – vor allem GABA, den wichtigsten beruhigenden Botenstoff. Und um GABA zu bilden, braucht der Körper Vitamin B6. Bei HPU verliert er B6 dauerhaft über den Urin (was HPU genau ist) – zusammen mit Zink und oft auch Magnesium, das das Nervensystem zusätzlich stabil hält.

Fehlt das Bremsmaterial, bleibt das System „auf Empfang”. Reize klingen langsamer ab, die innere Anspannung hält länger, und der nächste Eindruck trifft auf ein Nervensystem, das noch gar nicht zur Ruhe gekommen ist. Ein ohnehin fein eingestellter Mensch kippt so viel schneller in echte Überflutung – nicht weil er „zu empfindlich” ist, sondern weil die Bremse nicht genug Belag hat.

Warum sind Hochsensible mit HPU so schnell erschöpft?

Weil das intensive Verarbeiten Energie kostet – und die ist bei HPU ohnehin knapp. Ein hochsensibler Mensch leistet den ganzen Tag stille Mehrarbeit: Er nimmt mehr wahr und muss mehr einordnen. Läuft das auf einem leeren Nährstofftank, ist abends nichts mehr übrig. Dazu kommt die typische HPU-Empfindlichkeit gegenüber Kaffee, Alkohol, Medikamenten und Gerüchen (warum der Körper vieles schlechter verträgt) – also genau die Reize, die ein feines System sowieso schon fordern.

Und dann ist da der Schlaf. Wer nicht richtig abschalten kann, erholt sich nachts schlechter und startet schon erschöpft in den nächsten reizintensiven Tag (warum HPU den Schlaf stört). So entsteht der Kreislauf, den viele Hochsensible mit HPU nur zu gut kennen: dauernd am Limit, ohne je richtig aufzutanken.

„Ich sage meinen hochsensiblen Klientinnen immer: Deine Feinfühligkeit ist keine Schwäche, die man reparieren muss. Aber wenn dein Nervensystem die Bausteine hat, um wieder runterzukommen, erlebst du sie plötzlich als das, was sie ist – eine Stärke und keine Dauerbelastung.” — Dr. Claudia Bentzien

Was solltest du jetzt tun?

Zuerst: nichts an deiner Sensibilität „reparieren” wollen. Sie bleibt, sie darf bleiben, und sie ist wertvoll. Es geht nicht darum, dickfelliger zu werden, sondern darum, dass dein Körper die Reize wieder verarbeiten kann, ohne dabei auszubrennen.

Dazu gehört ganz praktisch, deine Reizpausen ernst zu nehmen – bewusste ruhige Inseln im Tag sind bei einem feinen Nervensystem keine Schwäche, sondern Grundversorgung. Und es lohnt der Blick auf das, was dem System an Material fehlt. Erkennst du dich im Gesamtbild wieder – feinfühlig, dazu erschöpft, empfindlicher Darm, schlechter Schlaf, Reizempfindlichkeit auf vieles –, kann eine HPU dahinterstecken. Nährstoffe wie B6, Zink und Magnesium sollten dann nicht blind geschluckt, sondern gezielt gemessen und ausgeglichen werden.

Aus meiner Erfahrung mit über 600 begleiteten Menschen (mehr über mich) ist Hochsensibilität fast nie das eigentliche Problem. Das Problem ist ein feines Instrument, dem niemand die richtige Pflege gegeben hat – und das lässt sich ändern, ohne den besonderen Klang zu verlieren.

Häufige Fragen

Ist Hochsensibilität dasselbe wie eine Angststörung oder ADHS?

Nein. Hochsensibilität ist ein Wesenszug, keine Störung, und braucht keine Behandlung. Es gibt Überschneidungen, und manchmal wird das eine mit dem anderen verwechselt. Wenn ein echter Leidensdruck da ist, sollte das aber ärztlich oder psychologisch eingeordnet werden – Feinfühligkeit an sich ist kein Fall für die Praxis.

Kann man Hochsensibilität wegtherapieren?

Nein, und das ist auch gar nicht das Ziel – ein Wesenszug ist kein Defekt. Verändern lässt sich, wie erschöpfend man ihn erlebt. Ein gut versorgtes Nervensystem und bewusste Reizpausen sorgen dafür, dass Feinfühligkeit sich wieder mehr nach Gabe und weniger nach Dauerüberlastung anfühlt.

Woran erkenne ich, dass bei meiner Hochsensibilität HPU mitspielt?

Wenn zur Feinfühligkeit anhaltende Erschöpfung, ein empfindlicher Darm, schlechter Schlaf und eine ausgeprägte Reizempfindlichkeit auf Koffein, Alkohol oder Gerüche kommen, lohnt sich der Blick auf den Nährstoffstatus und eine mögliche HPU. Das sollte fachlich abgeklärt werden.

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